Der Tod

Ich hatte gut geschlafen. Ich gehöre zu den begnadeten Menschen, die meistens gut schlafen können. Ich wachte auf, weil mein Herz sich verkrampfte. Ich atmete tief und ruhig und fragte mich, ob jetzt meine letzte Stunde auf dieser Erde geschlagen hätte. Da stand der Tod neben meinem Bett. Ich sagte zu ihm: “Du siehst erschöpft aus, setz dich doch.“ Und wie von Zauberhand saß er ihn einem weich gepolsterten Stuhl und lächelte.

Ich sagte lächelnd zu ihm: „Du siehst scheusslich aus.“ Und er erwiderte, dass er so aussähe, wie die Menschen sich ihn vorstellen würden.  Er könnte jede erdenkliche Form annehmen, aber die Menschen beständen einfach auf dieses Schreckgespenst. Ich solle es einfach mal ausprobieren. Ich dachte an eine junge Frau, dann an einen jungen Mann, dann eine ältere Frau und immer saß die gedachte Gestalt mit den Attributen des Todes in dem gemütlichen Stuhl. Warum ging mir dann das Bild einer Schlange durch den Kopf? In dem Stuhl saß eine grosse Schlange mit Stundenglas und Sense. Ich hörte ein tiefes, herzhaftes Lachen des Todes, der seine ursprüngliche Gestalt wieder angenommen hatte.

„Ist es meine Zeit, die da läuft?“ „Ja“ „Und wenn die Zeit um ist, sterbe ich?“ Er sah mich nachdenklich an, hob sein Stundenglas und sagte: „Ich weiss es nicht. Das Stundenglas zeigt die Zeit an. Wenn sie abgelaufen ist, drehe ich das Glas um und es läuft eine neue Zeit. Nur wenn ich das Glas nicht umdrehen kann, ist die Zeit des Erdenmenschen zu Ende. Ich bringe niemandem den Tod. Ich bin der Tod und habe die Aufgabe, die Seele des Menschen zu begleiten, ihr bei der Loslösung vom irdischen Körper zu helfen. Vielen erscheine ich in Gestalt eines geliebten Menschen, der die Erde vor längerer Zeit verlassen hat. Ich versuche mein Möglichstes, um den Sterbenden zu helfen. Leider haben viele Menschen Angst vor Bestrafung und halten lieber an ihrem kranken, schmerzenden Körper fest, als freiwillig mit mir zu gehen. Es würde ihnen leichter fallen, wenn sie an die Güte und Liebe des Schöpfergottes glauben könnten.

Zeit ist eine Begrenzung und gibt es nur in der materiellen Gestaltung. Erst wenn etwas aus Materie hergestellt wurde, gibt es einen Anfang und ein Ende, Materie hat eine Gestalt angenommen und zerfällt wieder – wie eure wunderbar hergestellten Sandfiguren. – Ausserhalb der Materie gibt es keine Zeit, keine Vergangenheit und keine Zukunft, alles ist Jetzt.“

„Wieso erscheinst du in dieser Knochengestalt?“ fragte ich.

Er antwortete nachsichtig lächelnd: „Ich sagte doch schon, dass ich so erscheine, wie sich die Menschen ein Bild von mir machen. Wie willst du mich denn sonst auch erkennen? In früheren Zeiten war ich eine Göttin des Schicksals. Ich hiess Atropos was übersetzt „die Unabwendbare“ heisst, und damals bestand meine Aufgabe darin, den Faden zwischen Körper und Seele durchzuschneiden. Dieser Faden war von meiner Schwester Klotho gesponnen worden und von meiner Schwester Lachesis wurde damit die Zeit gemessen und die Art des Todes bestimmt. Ich trennte nur den Lebensfaden mit einer Schere durch, hatte eine weibliche Gestalt und war eine Göttin. Welch ein Drama, als man mich mit Chronos-Saturn in Verbindung brachte. Seitdem bin ich männlich (es ist mir immer noch ein Rätsel, woran man das erkennen will – haha) und schleppe das Stundenglas und die Sichel mit mir herum. Die Knochengestalt hat wieder mit der Zeit zu tun, der Knochen hält am längsten der Verwesung stand. Ich finde, es wird langsam wieder Zeit, dass man mir eine andere Gestalt gibt, wenn ich schon eine Gestalt annehmen muss.“

„Ich bin jetzt leicht verwirrt.“ Antwortete ich. „Je mehr du mir erklärst, umso so mehr Fragen tauchen auf. Sag mir, wie ist das mit dem Tod von Kindern? Viele Eltern zweifeln an ihrem Glauben, wenn sie den Tod eines Kindes beklagen müssen.“

Der Tod bekam ein noch hässlicheres Gesicht, als er schon hatte. „Den Menschen wurde ein grosser Unsinn vermittelt. Gott entscheidet nicht über Leben und Tod, er lässt auch darin dem Menschen eine grosse Willensfreiheit. Um das zu verstehen, muss man alles vergessen, was man gelernt hat. Die Seele hat durch die Verkörperung Gelegenheit, seine Gedanken mit Materie zu bekleiden. Erst in der Materie gibt es die Gegensätze – Hell und Dunkel, warm und kalt, gut und böse etc. – Die Seelen sind furchtbar wissbegierig und möchten alle erdenklichen Gegensätze kennenlernen. Jeder Mensch hat schon lange vor seiner Zeugung das Bedürfnis, einen Körper anzunehmen und versucht, ihn zu formen. Erst später stellt sich heraus, ob ihm die Form gelungen ist oder ob er Fehler eingebaut hat. Die Seelen möchten Erfahrungen sammeln, auch die Erfahrungen, die ihr als schlecht bezeichnet. Wie kann man das Gute beurteilen, wenn man nicht weiss, was schlecht ist?

Ausserhalb des Körpers nehmen sich einige Seelen viel für das Leben vor. Im Mutterleib angekommen nehmen sie die Enge der Verkörperung wahr und werden sich bewusst, dass sie an sich selber viel zu hohe Anforderungen gestellt haben und geben den Auftrag zurück. Sie bitten um Beendigung der Inkarnation. Kinder sind noch so sehr mit der geistigen Welt verbunden, bei ihnen besteht noch eine grosse Sehnsucht nach den Seelenverwandten, die sich nicht mit inkarniert haben und verlassen aus Heimweh die Erde vorzeitig – nach irdischen Maßstäben. Du darfst nicht vergessen, ausserhalb der Materie gibt es diese Raum-Zeit-Begriffe nicht. Die Seele ist frei in ihren Entscheidungen, kann den Körper ablegen, wann sie will und jederzeit einen neuen erschaffen. Sie kann auch in ganz andere Gebiete vordringen, doch hat die Erde eben wegen der Begrenzungen eine grosse Anziehungskraft auf die Seelen. Hier werden Bedingungen gestellt, man ist nur in einem begrenzten Rahmen beweglich und entscheidungsfrei. Das ist etwas, was man ausserhalb des Körpers gar nicht kennt. Alleine um diese Erkenntnis Willen drängeln die Seelen zur Erde. Und mit jeder Inkarnation schenken sie Mutter Erde ihre ganze Liebe. Deswegen vergibt die Erde auch sehr lange die Übergriffe, die sie erdulden muss. Aber das ist ein anderes Thema.“

Die Knochen des Todes knackten, als er sich vom Stuhl erhob. Der letzte Sand rieselte im Stundenglas. Als er meinte „so, nun ist die Zeit bald um“ wollte ich mich aus dem Bett erheben. Und musste lachen über meine dumme Gewohnheit. Der Körper blieb ja hier, also legte ich mich wieder bequem hin.

Er drehte das Glas – und die Zeit lief neu. „Bis zum nächsten Mal“ sagte er im Gehen. Ich antwortete: „Ich freu mich drauf.“ Und sah einer hellen leuchtenden Gestalt hinterher.

Autor: Ursula Ortmann, Rees

(die Schicksalsgöttinen entnommen aus wikipedia)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Liebe, meine Welt, Projektionen, Tod, Weltanschauungen, Zeit abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Der Tod

  1. was für ein schöner Text
    Danke Dir Ursula
    Liebe Grüsse zentao

  2. re56nates schreibt:

    So hat jeder seine Vorstellungen vom Tod! Eines steht auf jeden Fall für mich fest und das ist die Tatsache, dass unsere Seele weiter lebt!

  3. zauberweib schreibt:

    Wow, vielen Dank fürs Teilen. Was die Sache mit den Seelen angeht, das sehe ich exakt genau so. Allerdings hast du das Dilemma etwas schöner beschrieben – einerseits wollen sie ihre Erfahrungen durch die Materialisation machen, andererseits wollen sie dann so schnell wie möglich wieder zurück (mal ganz überspitzt) – lustig; gerade vorher hatte ich einen anderen Blogartikel gelesen, wo es darum ging, dass das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist 🙂
    Die _Gestalt_ des Todes… damit hast du in mir etwas angestoßen – Stoff zum Nachs(p)innen geliefert… Danke für diesen wundervollen Artikel!

  4. ursulaortmann schreibt:

    Vielen Dank für die lieben Kommentare. Ja, es soll zum Nachs(p)innen anregen, denn jeder hat seine eigene Wahrhheit. Am WE besuchte ich ein Seminar und visualisierte eine Gestalt aus Holz, die wie eine Hexe aussah. Mir wurde gesagt, es könnte sich um Baba Jaga handeln, eine in osteuropäischen Märchen oft vorkommende Hexe. Einfach mal googeln. 😉

  5. ursulaortmann schreibt:

    Passend zum 1. November

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s