Heilung

Heilung beginnt, wenn wir uns mit unserem Problem auseinandersetzen. Ein Problem ist etwas, was uns irgendwann mal verletzt hat. Es ist ein empfundener Schmerz, den man sich noch mal ansehen muss.

Demjenigen, der uns helfen soll (Arzt, Therapeut, Heiler, Freunde etc.), müssen wir den Schmerz ausführlich be-schreiben. Und das sollte man wörtlich nehmen.

Unseren Ärzten fehlt die Zeit, sich mit den Lebensgeschichten der Patienten auseinanderzusetzen. Doch wir selber haben für uns viel Zeit. Also setzen wir uns hin und schreiben auf, wo der Schmerz sitzt, wann er das erste Mal aufgetreten ist und welche Personen beteiligt waren. Indem man es aufschreibt, befasst man sich intensiv damit. Man muss seine Gefühle und Empfindungen zum Ausdruck bringen. Man schreibt seine Geschichte so, dass man davon ausgeht, ein Dritter hat keine Ahnung, worum es geht. Wenn man etwas verschweigt, gibt es kein zusammenhängendes Bild.

Wenn einem dabei die Tränen kommen, ist das ein Zeichen, dass wir ziemlich nah an dem Punkt angekommen sind, wo die Verletzung steckt. Dort wurden wir aus dem Gleichgewicht geworfen. Dabei kann es sich um eine ziemlich banale Sache handeln – nach unserer heutigen Sicht. Doch damals war es ein grosser Schmerz, der mit Angst begleitet wurde.

Geschichte von meinem Cousin:

Sein Vater starb, als er noch klein war. Seine Mutter hat versucht, Vater und Mutter zu ersetzen und sie hat ihn sehr geliebt. Das hinderte ihn aber nicht daran, auch mal was „auszufressen“. Die Mutter wollte ihn nicht bestrafen und so sagte sie: „Wenn du nicht artig bist, bekommst du eine Briefmarke auf den Hintern und ich verschick dich mit der Post.“

Er hat das geglaubt. Und in späteren Jahren erzählte er, dass er lange Zeit Angst hatte, dass die Mutter ihn „verschicken“ würde.

Also eine harmlose Äusserung der Mutter, die das Kind mit zunehmendem Alter auch so ansehen konnte. Wieviele Äusserungen gibt es, die wir immer noch glauben, selbst wenn wir schon lange erwachsen sind. Und wie viele Äusserungen und Handlungen haben wir tatsächlich erlebt, die uns bewusst erniedrigen und verletzen sollten.

Da stecken unsere Probleme, da steckt die Ursache, die uns aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Es ist schon lange her, die Verletzung existiert nicht mehr, nur die Erinnerung daran. Indem wir uns damit auseinandersetzen, können wir diese Erinnerung der Vergangenheit übergeben.

In jedem herzergreifenden Film können wir mitempfinden und mitweinen, warum also nicht auch in unserem eigenen Film, den wir teilweise so schmerzhaft empfinden. Wir haben unser Mitleid verdient. Wir haben unsere Aufmerksamkeit verdient. Wir haben unsere Liebe verdient.

 

Autor: Ursula Ortmann, Rees

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Eine Antwort zu Heilung

  1. Susanne Glaser schreibt:

    Liebe Ursula

    Dein Beitrag berührt♥

    „Es ist schon lange her, die Verletzung existiert nicht mehr, nur die Erinnerung daran“
    Verletzungen werden häufig in unser Muskelgewebe auf körperlicher Ebene verdrängt, wo sie regelrecht eingelagert und eingeeist werden, bis der Moment kommt, wo wir uns der Verletzung wieder bewusst werden…und den Rest beschreibst Du bestens.

    Liebe Grüsse
    Susanne

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